Die Bilanz des Kulturvereins

Seit 1948 bereichert der Kulturverein Deggendorf e. V. mit hohem ehrenamtlichem Engagement das kulturelle Leben der Stadt Deggendorf. Fasst man die Arbeit des Kulturvereins in den mehr als siebeneinhalb Jahrzehnten seiner Existenz zahlenmäßig zusammen, entsteht eine imposante Übersicht. In jeder Spielsaison, die in der Regel von September bis Mai/Juni reichte, wurden acht bis zehn Abonnementsveranstaltungen durchgeführt. Im ständigen Spagat zwischen dem unverminderten Anspruch auf hohe Qualität und den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln brachte es der Kulturverein auf 866 Veranstaltungen, die von mehr als 340 000 Menschen besucht wurden. Nur in der Zeit der Corona-Epidemie mussten wir zwei Jahre aussetzen. 489 der Kulturvereinstermine waren Musikabende unterschiedlichen Genres, 300 waren dem Theater vorbehalten. Dazu kamen 75 Schulveranstaltungen, davon 56 in englischer und 12 in französischer Sprache. Der Corona-Epidemie fielen leider auch die Schulveranstaltungen zum Opfer. Seit den siebziger Jahren überwogen im Abonnement des Kulturvereins die musikalischen Darbietungen. Theaterstücke waren von den Ausgaben her nicht mehr tragbar. Im Musikbereich standen mit 206 Konzerten die Kammermusiken (Instrumentalsolisten, Duos, Trios, Quartette, Quintette und andere kleine

Ensembles) an erster Stelle. 120 Sinfoniekonzerte konnten angeboten werden. Lieder- und Arienabende sowie Chorkonzerte hielten sich mit 71 bzw. 64 Veranstaltungen die Waage. 21 Konzerte waren dem Jazz und Swing gewidmet. Die Musik von weit mehr als 500 Komponisten vom Mittelalter bis zur Gegenwart wurde zu Gehör gebracht, und es gibt kaum einen bedeutenden deutschen oder ausländischen Tonsetzer, von dessen Musik die Abonnenten des Kulturvereins nicht Kostproben zu hören bekamen. Wer regelmäßig die Konzerte besuchte, lernte im Laufe der Zeit über 600 Jahre Musikgeschichte kennen. Der Kulturverein hat sich immer um ein ausgewogenes Verhältnis von klassischer und moderner Musik bemüht und ist auch weiterhin bestrebt, bisher wenig bekannte Tonschöpfer aus Vergangenheit und Gegenwart dem Deggendorfer Publikum nahe zu bringen. Zuletzt waren es die wertvollen Kompositionen von Frauen wie Fanny Hensel, Clara Schumann, Pauline Viardot-Garcia, Cécile Chaminade, Luise Adolpha Le Beau und Emilie Mayer sowie des 1944 von der Gestapo ermordeten Józef Kofler, die im Rahmen des Kulturvereins erstmals in Deggendorf erklangen. Die Konzerte wurden immer abwechslungsreicher. Ungewöhnliche Instrumentenkombinationen (Harfe und Cello; drei Tuben; Flöte, Viola, Gitarre; Klarinette und Akkordeon; Klavier und zwei Saxophone) und der Volksmusik verwandte Ensemble (z. B. Eberwein-Quintett, Unterbiberger Hofmusik, Gruberich) vermittelten neue Klangerlebnisse, die gerade im Kapuzinerstadl, in dem der Kulturverein wegen der dortigen guten Akustik und der angenehmen Atmosphäre seit 2022 seine Veranstaltungen hauptsächlich durchführt, so richtig zur Geltung kamen.

Großen Anklang fanden die Moderationen vieler Künstler zu den von ihnen interpretierten Werken. Viele bekannte Künstler konnte das Deggendorfer Konzertpublikum durch die Bemühungen des Kulturvereins persönlich erleben. Wenn auch die Liste der Orchester, Chöre, Solisten und Kammermusikgruppen mit über 300 Namen aus dem In- und Ausland eine große Vielfalt aufweist, standen doch eine ganze Reihe von ihnen wiederholt vor dem Deggendorfer Publikum. Unter ihnen waren viele, die zu Beginn ihrer Karriere einen ihrer ersten Auftritte im Kulturverein hatten und dann als gestandene Stars erneut zu uns kamen. Im Bereich des Theaters stellte das Sprechtheater den Löwenanteil. Neben 222 Schauspielen, von der Tragödie bis zur Posse, standen nur 28 Opern, 17 Operetten und 2 Musicals auf dem Programm. Außerdem hatten wir sechsmal das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper München mit seinen hervorragenden in- und ausländischen Nachwuchssängern und -sängerinnen zu Gast. Das Ballett spielte mit insgesamt 14 Vorstellungen nur eine zweitrangige Rolle. Diese quantitative Verteilung hat nichts damit zu tun, dass der Vorstand des Kulturvereins etwa das Musiktheater und Ballett nicht liebt, sondern lag erst, bis zum Beginn der achtziger Jahre, an den für Ballett- und Opernaufführungen unzureichenden Bühnenverhältnissen in Deggendorf und danach an den hohen Kosten solcher Darbietungen. Theaterstücke von über 100 Autoren aus Vergangenheit und Gegenwart gelangten zur Aufführung. Zur Bilanz des Kulturvereins gehört auch sein Wirken im Geiste der Völkerverständigung und sein Bemühen, das Deggendorfer Publikum mit Theater- und Konzertensembles aus dem Ausland bekannt zu machen. Waren es zu Beginn vor allem Gastspiele österreichischer Bühnen, aber auch einzelner Gruppen aus Westeuropa (z. B. die internationale Studentenbühne Belgien-Deutschland Die flämischen Weihnachtsgesellen und der niederländische Knabenchor Oosterhoutsche Nachtegalen), verlagerte sich das Schwergewicht in den achtziger Jahren auf die osteuropäischen Nachbarstaaten Tschechien, Slowakei, Polen, Rumänien und Russland. Aber auch aus Italien, Frankreich und der Schweiz kamen Ensembles und Einzelkünstler nach Deggendorf.

Eine beeindruckende Bereicherung unseres Programms stellten die Konzerte des Jewish Chamber Orchestra Munich (JCOM) dar. Eine wichtige Seite des Wirkens des Kulturvereins war und ist die Förderung einheimischer Musikschaffender. Es war für den Kulturverein nie ein Widerspruch, nach hoher Qualität seiner Musikabende zu streben und dabei gleichzeitig alle Möglichkeiten zu nutzen, sich auf örtliche Künstler und Künstlerinnen zu stützen. Der Kulturverein betrachtet es seit seiner Gründung als seine ureigene Aufgabe, Werke einheimischer Komponist*innen zur Aufführung zu bringen und jungen Nachwuchskünstler*innen sowie Chören aus Deggendorf und Umgebung Auftrittsmöglichkeiten zu bieten. Viele Werke der beiden Kulturvorstandsmitglieder Fritz Goller und Jörg Spranger erlebten im Rahmen des Kulturvereins ihre Ur- bzw. Wiederaufführung. Der Kulturverein setzte sich auch für die Förderung des Chorgesangs in Deggendorf ein. In vielen Jahren fanden im Auftrag des Kulturvereins Chorkonzerte mit den Kirchenchören von St. Martin (Leitung Fritz Goller bis 1982, dann Peter Rauch) und Mariä Himmelfahrt (Leitung Jörg Spranger, danach, von 1979 bis 2019, Hermann Wellner) statt. Viele aus der Region Deggendorf stammende Musiktalente, die heute zu bekannten Solist*innen und Hochschullehrer*innen an Musikhochschulen geworden sind, hatten ihre ersten Auftritte im Rahmen des Kulturvereins. Zu ihnen gehörten Walter Nothas, heute Solocellist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Professor an der Münchner Musikhochschule, Sohn des Kulturvereinsmitbegründers Alfred Nothas; Peter Spranger, Sohn unseres langjährigen Vorstandsmitgliedes Jörg Spranger; die heutige Soloharfenistin der Nürnberger Symphoniker und Trägerin des Deggendorfer Kulturförderpreises Lilo Kraus; ein anderer Deggendorfer Kulturförderpreisträger, der Gitarrist Augustin Wiedemann, inzwischen mehrfach Gastprofessor in Salzburg bzw. Stockholm; die junge Geigerin Viktoria Kaunzner und andere.

In den letzten Jahren waren es die Harfenistin Anna Berwanger, der Bariton Jonas Müller, der inzwischen mit einem eigenen Musikfest, dem Ohefest, an die Öffentlichkeit getreten ist, die vielseitige Musikerin Monika Drasch, das Jonas Brinkmann’s Quartett und Thomas Hille, Solokontrabassist am Münchner Gärtnerplatztheater. Diese eindrucksvolle Bilanz ist Ansporn und zugleich Verpflichtung für den ehrenamtlich arbeitenden Vorstand des Kulturvereins, unter veränderten und nicht günstiger werdenden Bedingungen das Werk der vergangenen Jahrzehnte fortzuführen. Dabei kann auf vielen guten Erfahrungen – wie der langfristigen Planung mit Blick auf mehrere Jahre im Voraus und der Pflege des Kontakts zu den Künstler*innen und Abonnent*innen – aufgebaut werden. Das ist aber in Zukunft nur zu verwirklichen, wenn der Vorstand des Kulturvereins eine personelle Verstärkung erfährt. Gegenwärtig sind wir durch die altermäßige Zusammensetzung, vor allem aber durch langfristige, schwerwiegende Erkrankungen in unserer Arbeitsfähigkeit sehr stark beeinträchtigt. Wir appellieren deshalb auch an dieser Stelle an alle, die sowohl an klassischer als auch an moderner Musik interessiert sind, den Verein durch aktive Mitarbeit zu unterstützen.

Lutz-Dieter Behrendt